«Das Leben geht auch dort weiter, wo es zerbrochen scheint»
Zu Ehren von Guido A. Zäch
von Dr. med. Sabine Vuilleumier-Koch*
(13. März 2026) Hunderte von Menschen hatten den Wunsch, vom Arzt und Gründer der Schweizer Paraplegiker-Stiftung1 Abschied zu nehmen. Guido A. Zäch hatte diese Stiftung 1975 gegründet, 1978 die Gönner-Vereinigung mit heute 2 Millionen Mitgliedern. 1980 gründete er die Schweizer Paraplegiker-Vereinigung als Verband der Querschnittgelähmten und eröffnete 1990 das «Schweizer Paraplegiker-Zentrum» (SPZ) sowie 2005 das Guido A. Zäch-Institut. – Er verstarb 90-jährig am 16. Februar 2026. Landesweit waren alle Interessierten am 28. Februar eingeladen und konnten die Dankesfeier in verschiedenen Gebäuden des SPZ miterleben.
stattfand. (Bild sv)
Die Aula des Paraplegiker-Zentrums in Nottwil (LU) am Sempachersee, dem zentralen Wirkungsfeld der Stiftung, war für Angehörige des Verstorbenen und Menschen im Rollstuhl mit ihren Angehörigen reserviert. Das Guido-Zäch-Institut und das ParaForum konnten die anderen Gäste aufnehmen, von wo aus die Feier auf der Leinwand mitverfolgt werden konnte. Unter den Anwesenden waren auch aktuelle und ehemalige Mitarbeiter des Paraplegiker-Zentrums, Kameraden aus der Studentenverbindung und viele Gönner der Stiftung.
Kopfsprung in seichtes Wasser
In den 1960er Jahren hatte Dr. Zäch als junger Arzt erstmals Kontakt mit Menschen, die nach einem Unfall auf den Rollstuhl angewiesen waren. Sie galten damals noch als «Krüppel», waren medizinisch entsprechend dem damaligen Stand des Wissens wenig betreut und lebten am Rande der Gesellschaft, oft auch in finanzieller Not.
Vor 10 Jahren berichtete Dr. Zäch in einem Interview, er habe als 18-jähriger Bursche im Schwimmbad einen Kopfsprung in seichtes Wasser gemacht. Er habe Sterne gesehen und eine Stauchung an der Wirbelsäule erlitten, dabei aber viel Glück gehabt – er hätte querschnittgelähmt sein können. Sein erster Patient war ein Mann, der nach dem Sprung in seichtes Wasser komplett gelähmt war. Da habe er sich gefragt: Welche Betreuung hätte ich gerne, wenn mir das passiert? Wie möchte ich behandelt werden? So sei die Vision einer ganzheitlichen Pflege entstanden.
Ganzheitliche Rehabilitation
Die Seelsorger des Paraplegiker-Zentrums erläuterten gleich zu Beginn der Feier die Haltung von Guido A. Zäch im Angesicht von schwerverletzten Menschen. Er ermutigte sie mit grosser menschlicher Präsenz dazu, trotz dem erlittenen Schicksalsschlag nicht aufzugeben und eine neue Lebensperspektive zu entwickeln: «Das Leben geht auch dort weiter, wo es zerbrochen scheint.»
Mit dieser Haltung war er ein grosses Vorbild für seine Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter. Seinen eigenen Anspruch, immer wieder über sich selbst hinauszuwachsen und das unmöglich Scheinende möglich zu machen, stellte er auch an die Patienten. Er erwartete von ihnen, dass sie alles aus den verbliebenen Fähigkeiten herausholten – immer mit Unterstützung von menschlich und fachlich bestens geschulten Therapeuten.
Zusammen mit seiner enormen Schaffenskraft und Ausdauer konnten immer mehr Aspekte der ganzheitlichen Rehabilitation umgesetzt werden. Mit der operativen Behandlung in der Akutphase über die intensive Rehabilitation bis zur beruflichen Wiedereingliederung und der lebenslangen Begleitung wird heute querschnittgelähmten Menschen im Paraplegiker-Zentrum alles angeboten, was ihnen die Integration in die Gesellschaft wieder möglich macht.
«Geht nicht, gibt’s nicht!»
Heidi Hanselmann, Präsidentin des Stiftungsrates, Lukas Engelberger, Präsident der Konferenz der Kantonalen Gesundheitsdirektionen, Michaela Tschuor, Regierungsratspräsidentin des Kantons Luzern und Walter Steffen, Gemeindepräsident von Nottwil würdigten Persönlichkeit und Lebenswerk von Guido A. Zäch aus Sicht ihrer jeweiligen Funktion und ihren individuellen Begegnungen mit dem Verstorbenen. Er habe stets gehandelt, wenn er etwas als nicht gut beurteilt habe. Er habe nicht auf gute Umstände gewartet, sondern sofort zugepackt. Mit unglaublichem Einsatz sei er ans Werk gegangen und habe Mut gezeigt, wo andere zögerten. Sein Motto sei es immer gewesen: «Geht nicht, gibt’s nicht!» Dr. Zäch sei vor den Menschen im Rollstuhl niedergekniet, um ihnen auf Augenhöhe begegnen zu können. Er habe früh verwirklicht, was wir heute als Inklusion bezeichnen.
(Bild zvg)
Liebe zu den Menschen und zur Natur
Die Familie von Guido A. Zäch sprach ihm mit Bildern, begleitet von Klaviermusik, ihre tiefe Dankbarkeit aus. Er sei als Ehemann, Vater von sieben Kindern und Grossvater von 12 Enkeln immer da gewesen, wenn man ihn gebraucht habe. Eindrückliche Bilder zeigten ihn als Buben, jungen Arzt, mit seiner Ehefrau und den Kindern in verschiedenem Lebensalter sowie den Enkeln.
Auch seine Liebe zur Natur kam zur Sprache. Er habe sich dort erholt, zum Beispiel im Rosengarten, der auf dem Areal des Paraplegiker-Zentrums angelegt und auch von ihm gepflegt worden sei. Dass er als Rosenliebhaber am Rosenmontag von uns gegangen sei, sei ein schöner Zufall. Auch die Schweizer Geschichte habe ihn sehr interessiert, er habe alte Stiche, Ansichtskarten und Briefmarken gesammelt.
Der ausführliche Werdegang des Arztes und Humanisten Guido A. Zäch ist auf seiner Website dargelegt.2
Sportliche Höchstleistungen mit Paraplegie
Heinz Frei ist einer der erfolgreichsten Schweizer Sportler aller Zeiten: Er hat 15 Goldmedaillen an den «Paralympics» in drei Sportarten (Leichtathletik, Handbike, Langlauf), 14 Weltmeistertitel (Handbike, Leichtathletik) und 112 Marathonsiege und viele weitere Medaillen und Siege errungen. Heute ist er Präsident der Gönner Vereinigung der Schweizer Paraplegiker-Stiftung.
An der Dankesfeier schilderte er aus seiner Perspektive als Rollstuhlfahrer seine Beziehung zu Dr. Zäch. Sein Unfall, der zur Querschnittlähmung führte, ist auf der Seite der «Swissparalympics» dargelegt:
paraplegie.ch)
«1978 kam der damals 20-jährige Heinz Frei auf nassem Untergrund zu Fall, rutschte einen Abhang hinunter und stürzte in ein kleines Tobel. Glücklicherweise wurde der Sturz beobachtet und Heinz Frei mit dem Helikopter geborgen. Im Paraplegiker Zentrum in Basel erhielt er die Diagnose Querschnittlähmung. Während fünf Monaten lernte Frei, sich auf das Leben im Rollstuhl vorzubereiten und mit grösstmöglicher Selbständigkeit in den Alltag zurückzukehren.»3
Im Spital in Basel hatte er das Glück, auf Guido A. Zäch als Chefarzt zu treffen. Die Arztvisiten seien legendär gewesen: Immer wieder habe ihm Dr. Zäch klar gemacht, dass er jetzt seinen Kopf benutzen müsse – dieser sei von der Querschnittlähmung nicht betroffen! Er müsse sich auf das konzentrieren, was noch möglich sei, nicht auf Defizite. Guido A. Zäch habe ihm und Hunderten anderen Menschen wieder Selbstwertgefühl vermittelt, die Teilhabe am gesellschaftlichen Leben ermöglicht. Er habe ihnen sein Leben «ausgeliehen», seine Tätigkeit mache sie stolz. Heinz Frei war bei der Schilderung dieser Erlebnisse sichtlich bewegt.
Wer im September 2025 das Paraplegiker-Zentrum anlässlich des 50-jährigen Bestehens der Stiftung besuchte, konnte einen guten Einblick in seine grosszügigen Sportanlagen gewinnen: Hallenschwimmbad, Tartanbahn, Halle für Ballsport und Tischtennis u.v.m. – Sport als Quelle für neuen Lebensmut und Selbstwertgefühl.
Das Werk lebt weiter
Mit seinen 2240 Angestellten ist das Paraplegiker-Zentrum heute das lebendige Vermächtnis von Guido A. Zäch. Seelsorger, Politiker und Verwaltungsratsmitglieder zeigten sich zuversichtlich, dass er seine Haltung des «Geht nicht, gibt’s nicht!» mit all seinen Facetten habe weitervermitteln können. Diese zeige sich auch im Kleinen wie im gemeinsamen Essen von Menschen im Rollstuhl mit Fussgängern und den anderen täglichen Begegnungen auf Augenhöhe.
Eine würdige Abschiedsfeier, die dazu anregte, sich beim abschliessenden reichhaltigen Apéro auszutauschen und das Erlebte zu überdenken.
| * Dr. med. Sabine Vuilleumier-Koch ist Fachärztin für Psychiatrie und Psychotherapie FMH und Mitarbeiterin des «Schweizer Standpunkt». |
1 https://www.paraplegie.ch/de/ueber-uns/organisation/organisationen-schweizer-paraplegiker-gruppe/
2 https://www.guidozaech.ch/pdf/CurriculumvitaeGuidoA.Zch.pdf
3 https://www.swissparalympic.ch/athleten-archiv/heinz-frei/