Jean Ziegler – Der Mensch, der nicht wegsehen wollte
von Sabiene Jahn*
(26. Juni 2026) Jean Ziegler ist tot. Ein ungewöhnlicher Podcast-Nachruf von Tahir Chaudhry** erinnert an einen grossen Schweizer Menschenrechtler und an eine fast verlorene Form moralischer Radikalität. Den Mut, Hunger, Ausbeutung und Gleichgültigkeit beim Namen zu nennen.
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Aufgewachsen in einem bürgerlichen Schweizer Milieu, brach er mit 18 Jahren mit seinem Elternhaus und ging nach Paris, wo ihn Begegnungen mit Jean-Paul Sartre und Simone de Beauvoir prägten. Später lehrte er an der Universität Genf und als Gastprofessor an der Sorbonne, sass jahrzehntelang für die SP im Schweizer Nationalrat und kämpfte von 2000 bis 2008 als «UN-Sonderberichterstatter für das Recht auf Nahrung» gegen den weltweiten Hunger.
Manchmal stehen Bücher lange unbewegt im Regal, bis ein Todesfall sie uns wieder in die Hand legt. Jean Ziegler gehörte zu jenen Autoren, deren Sätze nicht altern, weil die Welt, gegen die sie geschrieben wurden, noch immer fortbesteht. Wer heute in seinen Büchern blättert, begegnet keinem altersmilden Humanisten, vielmehr einem Mann, der die Sprache gegen die Verharmlosung verteidigte. Ziegler schrieb über Hunger, als sei er ein Verbrechen. Er nannte die Weltordnung «kannibalisch» und man konnte sich fragen, warum diese Zusprechung so schwer zu widerlegen war.
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Jean Ziegler, 1934 in Thun geboren und im Juni 2026 in Genf gestorben, war Soziologe, Professor, Schweizer Nationalrat, Autor, Globalisierungskritiker und UN-Sonderberichterstatter für das Recht auf Nahrung.1,2 Vor allem aber war er ein Mann, der sich nicht in jene bequeme Neutralität retten wollte, die angesichts des vermeidbaren Todes anderer Menschen so gern als Sachlichkeit auftritt. Sein berühmtester Satz steht wie ein Gebirgsfels im Raum, «Jedes Kind, das an Hunger stirbt, wird ermordet.» Man kann ihn nicht ungehört machen.Der Nachruf «Mein Abschied von einem Giganten», den Journalist Tahir Chaudhry für die «Grenzgänger Studios» auf YouTube veröffentlicht hat, wird diesem Leben auf besondere Weise gerecht.3 Er ist keine blosse Würdigung oder Nachzeichnen von Karriere und Büchern. Chaudhry kannte Ziegler persönlich. Er hatte ihn 2017 als junger Journalist in Genf getroffen, damals noch Volontär, mit Notizbuch, Stift und Diktiergerät. Aus dieser Begegnung sind Tonaufnahmen geblieben. In seinem Nachruf stellt Chaudhry dem Verstorbenen nun Fragen, und Ziegler antwortet noch einmal selbst. Er lässt den Toten noch einmal sprechen.
Chaudhry führt an den biografischen Ursprung von Zieglers Unruhe. Ziegler erzählt von den Verdingkindern in der Schweiz, von armen Kindern, die weggegeben wurden, weil ihre Familien sie nicht ernähren konnten. Er sah sie frierend, mit schlechten Strümpfen und Holzschuhen, beim Kühehüten, während Grossbauern im Wirtshaus sassen.
Der Vater erklärte ihm traurig, das seien eben Verdingkinder, da könne man nichts tun. Für einen Vierzehn- oder Fünfzehnjährigen, sagte Ziegler rückblickend, sei ein solcher Satz unerträglich. Wenn man einem jungen Menschen sage, die Welt könne man nicht ändern, «dann geht er in die Luft». Er stritt mit dem Vater, lief weg, und erst später fanden beide wieder zueinander. In dieser kleinen Episode liegt fast alles, was sein späteres Leben bestimmen sollte. Das Unvermögen, Unrecht als Schicksal hinzunehmen, und die Weigerung, das Leiden der Schwächeren mit einer religiösen, moralischen oder politischen Ausrede zu besänftigen.
Der Podcast macht spürbar, dass Ziegler nicht erst durch Theorien radikal wurde, er wurde es durch Wahrnehmung. Er sah frierende Kinder, sah Hunger und die Machtverhältnisse dahinter. Er sah jene Gewalt, die nicht mit Waffen auftreten muss, die sich in Preisen, Zinsen, Schulden, Landraub und Handelsverträgen vollzieht. Seine Sprache war ungeduldig. Sie kam nicht aus dem akademischen Bedürfnis, Begriffe zu schärfen. Sie kam aus einer elementaren Empörung darüber, dass die Welt genug hervorbringt und dennoch Menschen sterben lässt.
Ziegler sagt in dem Gespräch, die Weltlandwirtschaft könne nach den damaligen Angaben des «World Food Reports» problemlos weit mehr Menschen ernähren, als auf der Erde lebten. Zum ersten Mal in der Geschichte der Menschheit gebe es «keinen objektiven Mangel» mehr. Das Grundproblem lag für Ziegler nicht in der Produktion, es lag im fehlenden Zugang zu Land, Kaufkraft, Nahrung und Produktionsmitteln. Das ist der Punkt, an dem aus Mitleid Anklage wird. Wo genug da ist und dennoch gestorben wird, ist Hunger nicht mehr bloss Tragödie. Er ist organisierte, geduldete und politisch verwaltete Gewalt.
In einem weiteren, 2024 veröffentlichten Gespräch, dessen innere Zeitmarken allerdings auf eine frühere Entstehung verweisen, zerlegte Ziegler diese Anklage noch einmal in ihre konkreten Mechanismen.4 Er sprach von Kausalitätsketten. Der Hungertod sei physiologisch überall derselbe. Zuerst würden die Fettreserven aufgebraucht, dann das Immunsystem zerstört, dann beginne der Raubbau an den Muskeln, Infektionen folgten, schliesslich der Tod. Aber die Wege dorthin seien verschieden. Ziegler nannte Agrardumping, Spekulation auf Reis, Mais und Getreide, Agrartreibstoffe, Auslandsschulden und Strukturanpassungsprogramme als zentrale Ursachen. Damit wurde seine Anklage noch präziser. Der Hunger war für ihn das Ergebnis benennbarer Entscheidungen und Gesetze.
Ziegler hatte für diese Ordnung ein Wort, das manchem zu gross erschien und doch genau deshalb hängen blieb: «kannibalisch». Er sprach von einer «unglaublichen Machtballung» in den Händen transnationaler Konzerne und Finanzoligarchien. Er sprach von einer Diktatur, die stärker sei als viele Nationalstaaten, weil sie sich staatlicher, sozialer und gewerkschaftlicher Kontrolle entziehe. In seinem Denken gehörten die Leichenberge des Hungers und die Machtakkumulation des Finanzkapitals zusammen. «Das System nimmt diese Morde in Kauf», sagt er.
Besonders eindringlich wird Ziegler dort, wo er den Begriff der «kannibalischen Weltordnung» aus der moralischen Metapher in die ökonomische Beschreibung zurückholt. Auf afrikanischen Märkten, so erläuterte er, könnten subventionierte europäische Produkte zu Preisen verkauft werden, gegen die ein lokaler Bauer nicht bestehen könne. Wenige Kilometer weiter stehe dieser Bauer mit seiner Familie unter brennender Sonne und habe keine Chance, ein Existenzminimum zu erwirtschaften. Ähnlich argumentierte Ziegler bei den Agrartreibstoffen. Man könne die Motive verstehen – Klimaschutz, Unabhängigkeit vom Erdöl –, aber Nahrungsmittel zu verbrennen, während alle fünf Sekunden ein Kind verhungere, sei für ihn «ein Verbrechen gegen die Menschlichkeit». Er akzeptierte technische Rationalitäten nicht, wenn sie am Ende den Tod der Schwächsten einkalkulierten.
Chaudhry lässt diese Sätze stehen. Er erklärt, er teile nicht jede Position Zieglers. Er sei kein Marxist, kein Kommunist. Chaudhry würdigt einen Mann, dessen Antworten ihn nicht immer überzeugten, dessen Fragen und Beobachtungen ihn aber nicht mehr losliessen. Diese Unterscheidung ist entscheidend. Denn Jean Ziegler auf eine politische Schublade zu reduzieren, hiesse, ihn kleiner zu machen, als er war. Seine eigentliche Zumutung lag nicht darin, dass er links war. Sie lag darin, dass er auf einer moralischen Rechnung bestand, die niemand gern bezahlt.
Auch Ziegler selbst erscheint in diesem Nachruf nicht als verbitterter Weltenrichter. Er sagt einen Satz, der in seiner Einfachheit fast entwaffnend ist, «Nur glückliche Revolutionäre sind gute Revolutionäre.» Und weiter, wer das Leben nicht liebe, könne auch die Menschen nicht lieben. Das ist vielleicht die schönste Korrektur an dem Klischee des zornigen Anklägers. Ziegler war zornig, ja. Aber sein Zorn kam aus der Liebe zum Leben. Darum hatte er diese eigentümliche Mischung aus Härte und Wärme, aus Fluch und Zärtlichkeit, aus politischer Schärfe und persönlicher Aufmerksamkeit.
Chaudhry erzählt, wie er 2017 in einer grossen Redaktionskonferenz vorgeschlagen hatte, Ziegler zu interviewen. Ein leitender Journalist habe ihn daraufhin als Antisemiten und Antiamerikaner bezeichnet, ohne Begründung. Wenige Tage später fuhr Chaudhry dennoch nach Genf. Auf der Reise las er Zieglers Buch «Der schmale Grat der Hoffnung». Nach fast acht Stunden Zugfahrt erschien der Genfersee vor dem Fenster, dahinter die Alpen, Möwen über dem Wasser, Segelboote auf dem See. Doch die Postkartenidylle zerbrach schon vor dem Hotel. Das schmale Budget seiner Redaktion hatte ihn in eine Gegend geführt, in der rotlichtfarbene Fassaden, zwielichtige Gestalten und offene Fluchten vor der Wirklichkeit den Glanz Genfs durchkreuzten. Schlafen konnte er in dieser Nacht nicht.
Am nächsten Tag sass er Ziegler gegenüber. Der Mann war damals 83 Jahre alt und sprühte, wie Chaudhry erzählt, vor Charme, Schalk und Humor. Von Resignation keine Spur. Nach drei Stunden fragte Ziegler, wo der junge Journalist übernachte. Als er den Hotelnamen hörte, schüttelte er ungläubig den Kopf. Er bot ihm mehrfach an, in seinem Haus zu schlafen. Als Chaudhry ablehnte, bestand Ziegler darauf, ihn wenigstens zum Abendessen einzuladen. Der junge Volontär, noch auf der Suche nach seinem Platz im Journalismus, erlebte, dass dieser weltbekannte Intellektuelle, den als junger Mann insbesondere Begegnungen mit Jean-Paul Sartre und Simone de Beauvoir prägten, seine Gesellschaft ernst nahm. Aus dem Interview wurde ein Gespräch. Aus dem Gespräch wurde ein persönlicher Austausch. Ziegler bezahlte, wie Chaudhry mit leiser Ironie erzählt, mit der Kreditkarte seiner Frau, weil seine eigenen Konten gesperrt waren.
Diese Szene ist mehr als anekdotisch. Sie zeigt einen Menschen, der den grossen Begriff der Solidarität nicht nur für Bücher und Reden reservierte. Ziegler fragte nach Familie, nach Glauben, nach dem Weg eines jungen Journalisten. Später rief er Chaudhry regelmässig an, alle zwei oder drei Wochen, erkundigte sich nach dessen Familie und nach seinem Denken. Hier wird ein anderer Ziegler sichtbar. Der Tribun der Hungernden, zugleich der zugewandte Alte, der sich für den Jüngeren interessiert, ihn stärkt und ernst nimmt.
Eine der stärksten Passagen des Podcasts führt in Zieglers eigenes Verständnis seines Lebenswegs. Er erzählt von seiner Begegnung mit Che Guevara in Genf.5 Ziegler wollte mitgehen, hinaus aus der Schweiz, hinein in die Revolution. Che zeigte auf die beleuchtete Stadt und sagte offenbar, dort unten sei das Gehirn des Monsters, dort sei Ziegler geboren und dort müsse er kämpfen. Für Ziegler wurde daraus die Strategie der «subversiven Integration». In Institutionen eintreten, ihre Macht nutzen und sie gegen ihre eigene Verhärtung wenden. So kam er an die Universität, ins Parlament und später zur UN. Das ist ein zentraler Punkt seines Lebens. Ziegler war ein Eindringling in die Institutionen, ein Mann, der ihre Sprache beherrschte und zugleich ihre moralischen Ausflüchte durchstiess.
Darin liegt eine Aktualität, die weit über seine Biografie hinausreicht. In einer Zeit, in der viele Menschen zwischen Anpassung und Rückzug schwanken, zeigt Ziegler eine dritte Möglichkeit. Hineinzugehen, ohne sich innerlich gefangen nehmen zu lassen. Die Institutionen nicht zu verehren, aber ihre Hebel zu kennen und schliesslich wirksam zu werden. Man kann fragen, wo Integration aufhört und Kompromiss beginnt. Aber man kann nicht bestreiten, dass Ziegler seine Ämter als Kampffelder verstand.
Seine Hoffnung war dabei nie naiv. Er sprach von Hunger, Massakern, Kriegen, verschmutztem Wasser, von einem «dritten Weltkrieg» gegen die Völker des Südens. Und doch sagte er zugleich, es gebe eine unglaubliche Kraft im Menschen. Er verwies auf Krankenschwestern, auf Befreiungsbewegungen, auf Menschen, die anderen helfen, obwohl ihnen selbst wenig bleibt. Einen Menschen zu zerstören, sagte er, brauche sehr viel. In dieser Formulierung liegt eine erstaunliche Anthropologie. Der Mensch ist verletzlich, manipulierbar, korrumpierbar, aber nicht leicht vollständig zu brechen.
Als Chaudhry ihn fragt, welche Kräfte uns hindern, Mensch zu werden oder Mensch zu bleiben, antwortet Ziegler politisch und geistig zugleich. Das Schlimmste, was die Oligarchie fertiggebracht habe, sei die «Entfremdung des Kollektivbewusstseins». Man mache den Menschen glauben, er sei nicht mehr Subjekt seiner Geschichte. Eine unsichtbare Hand, Marktkräfte, angebliche Naturgesetze bestimmten das Schicksal der Völker. Der einzelne Mensch solle sich assimilieren, unterwerfen und funktionalisieren. Dagegen setzt Ziegler das Identitätsbewusstsein. Jene Fähigkeit des Menschen, im gequälten anderen sich selbst zu erkennen. Mit Kant gesprochen, die Unmenschlichkeit, die einem anderen angetan wird, zerstöre die Menschlichkeit in mir.
Das ist einer der tiefsten Gedanken dieses Nachrufs. Denn er verschiebt die Frage von der Politik in die Substanz des Menschseins. Es geht nicht nur darum, ob wir Mitleid haben. Es geht darum, ob wir die Verletzung des anderen noch als Verletzung unserer gemeinsamen Menschlichkeit wahrnehmen. Wo dieses Bewusstsein zerstört oder zubetoniert wird, wird die Welt verwaltbar. Dann werden Hungerzahlen zu Tabellen, Tote zu Kollateralschäden, Arme zu Risikogruppen, Flüchtlinge zu Strömen und Kriege zu Lagen.
Ziegler war deshalb so gefährlich, weil er diese Betäubung störte. Er zwang die Sprache zurück an den Körper. An das hungernde Kind und den frierenden Jungen. An den Menschen ohne sauberes Wasser, an den Bauern ohne Land, den Verschuldeten, den Ausgebeuteten und den Vertriebenen. Seine Begriffe waren gross, aber sie hatten immer einen Leib.
Zum Ende hin wird Chaudhrys Nachruf noch persönlicher.
Bei einem Spaziergang durch Genf sprach Ziegler über den Tod. Er zitierte den alten Satz, alle Stunden verletzen, die letzte tötet. Er bedauerte, sich nicht intensiver mit dem Islam beschäftigt zu haben, mit dessen vernunftorientiertem Zugang und dessen Vorstellung, die grossen Religionsstifter der Menschheit als Glieder einer gemeinsamen Kette zu verstehen. Dann stellte er Chaudhry eine intime Frage: Was wird nach dem Tod aus mir?
Chaudhry antwortete aus seinem Glauben heraus. Er sprach von der Seele, die den Körper überdauert, und von einer Wirklichkeit, in der Titel, Macht, Geld und Herkunft nichts mehr gelten. Am Ende zählt allein die Wahrheit über den Menschen. Alles werde Zeugnis ablegen, alle Taten, Worte, Absichten, sogar das Tier, dem Unrecht getan wurde. Ziegler, erzählt Chaudhry, habe diesen Gedanken wunderschön gefunden. Auch diese Episode berührt, weil sie Ziegler aus der Pose des Unerschütterlichen löst.
Am stärksten ist die letzte Frage aus dem Gespräch von 2017. Wie sollen sich die Menschen an ihn erinnern, wenn er nicht mehr da ist? Ziegler antwortet nicht mit der Souveränität eines Mannes, der sein Denkmal schon kennt. Er denkt an seine Kinder, daran, dass sie sich in Liebe an ihn erinnern mögen. Dann stockt er. Es gebe leere Momente, Entmutigung, Hilferufe auf seinem Anrufbeantworter, auf die er nicht geantwortet habe, weil es spät war, weil er müde war und weil er gerade nach Hause kam. Darüber schäme er sich. Und dann kommt jener Satz, der grösser ist als jede Selbstrechtfertigung: Man solle sagen, er habe getan, was er konnte – aber er hätte mehr tun können, mehr tun sollen.
Das ist die vielleicht ergreifendste Bilanz eines Menschen, der fast ein Jahrhundert lang kämpfte. Die Einsicht, dass selbst ein so tätiges Leben vor den ungehörten Hilferufen nicht vollständig bestehen kann. Diese Demut macht Ziegler gross. Denn wer am Ende nicht allein auf Reden blickt, sondern auch auf das, was er versäumt hat, hat die eigene Seele nicht an den öffentlichen Ruhm verkauft.
Am Ende gehört die letzte Geste des Podcasts nicht mehr Ziegler selbst. Sie gehört Tahir Chaudhry. Er verabschiedet sich, hebt die rechte Faust und ruft, «Viva la Revolution.» Es ist kein beiläufiger Effekt, es ist eine Geste der Weitergabe. Er übernimmt dessen Unruhe, dessen Weigerung, Ohnmacht als Naturgesetz zu akzeptieren. Dessen Glauben, dass der Mensch mehr ist als Konsument, Marktteilnehmer, Zuschauer oder verwaltete Nummer. In dieser Schlussgeste liegt die eigentliche Pointe des Nachrufs. Ziegler ist gegangen, aber der Widerspruch bleibt.
Ziegler bestand so hartnäckig darauf, dass es in demokratischen Gesellschaften keine wirkliche Ohnmacht gebe. Man könne das Agrardumping beenden, Börsengesetze ändern, Spekulation auf Nahrungsmittel verbieten, die Herstellung von Bioethanol aus Grundnahrungsmitteln beschränken und die ärmsten Länder entschulden. Für ihn waren das keine utopischen Träume. Es waren politische Entscheidungen.
Der Hunger, sagte er, sei die Angst vor dem nächsten Tag. Er vererbe sich biologisch, weil unterernährte Mütter Kinder zur Welt brächten, die bereits geschädigt seien, und weil mangelnde Ernährung in den ersten Lebensjahren das Gehirn eines Kindes dauerhaft zeichnen könne. In diesem Satz wird sichtbar, dass Ziegler über mehr sprach als über Sterben, aber über zerstörte Zukunft.
Jean Ziegler hat die Welt nicht erlöst. Er hat den Hunger nicht abgeschafft und auch nicht die Macht der Finanzoligarchien gebrochen oder die Ausbeutung beendet. Aber er hat etwas getan, was in Zeiten sprachlicher Narkose selten geworden ist, er hat den Dingen ihre moralischen Namen zurückgegeben. Er sprach von Hoffnung, ohne die Katastrophe zu verharmlosen.
Man muss sich fragen, ob die eigene Nüchternheit nicht manchmal bloss eine gebildete Form der Feigheit ist und ob Neutralität dort, wo Menschen vermeidbar sterben, wirklich Tugend sein kann. Ob Realismus ohne Mitgefühl nicht längst die Sprache der Anpassung spricht.
Jean Ziegler ist tot. Tahir Chaudhrys Nachruf lässt noch einmal von ihm hören. Damit macht er aus Erinnerung keinen Abschluss. Er bleibt Auftrag.
| * Sabiene Jahn, Jahrgang 1967, ist freie Journalistin. Sie studierte Kommunikation der Werbewirtschaft. Seit über 35 Jahren ist sie als freischaffende Sängerin und Synchronsprecherin tätig. Seit 2015 engagiert sie sich in der deutschen Friedensbewegung. Sie gründete Anfang 2018 den parteifreien Bürgeraustausch «Koblenz: Im Dialog», um mit Bürgern, Journalisten und Wissenschaftlern in den persönlichen Austausch zu kommen und veröffentlicht Interviews und Vorträge auf ihrem gleichnamigen YouTube-Kanal. ** Tahir Chaudhry, Jahrgang 1989, ist ein deutsch-indischer Journalist und Filmemacher. |
Quelle: https://globalbridge.ch/der-mensch-der-nicht-wegsehen-wollte/, 18. Juni 2026
1 https://www.swissinfo.ch/ger/alt-nationalrat-jean-ziegler-stirbt-im-alter-von-92-jahren/91560834
2 https://digitallibrary.un.org/record/616943?ln=en
3. https://www.youtube.com/watch?v=ZJ0qHin9ANM