Kommentar
Schweiz – wohin?
Deutschland wieder kriegswillig – 80 Jahre nach Nürnberg
von Thomas Scherr*
(21. August 2026) Die Meinungen über «Russland» und «Putin» sind medial und massenpsychologisch gemacht. Jeder und jede «weiss» inzwischen, was er oder sie zu denken hat.
In Deutschland wird die öffentliche Stimmung – mal wieder – bis hin zur Kriegshysterie gesteigert. Top down. «Putin ist kurz vor Berlin». Nicht die besonnenen, sondern die hysterischen Stimmen werden in den Medien wiedergegeben. Genau das hat es schon einmal gegeben … Es riecht nach Krieg.
Nachfolgend werden Gedanken aufgegriffen, die nach dem Ersten und Zweiten Weltkrieg in Europa breit diskutiert wurden. Angesichts der Toten, Opfer und Gräueltaten stellte man sich die Aufgabe, solche Entwicklungen in Zukunft zu verhindern. Diese Diskussionen sind wieder dringend zu führen, kurz vor einer billigend in Kauf genommenen Eskalation mit Russland.
Damals wurde nicht nur auf die Opfer geblickt. Wer waren die Verantwortlichen? Die Nürnberger Hauptkriegsverbrecherprozesse vom 20. November 1945 bis zum 1. Oktober 1946 versuchten eine juristische Aufarbeitung des Zweiten Weltkriegs.
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Die Kriegsstimmung der deutschen politischen Führung löst aktuell nicht nur in grossen Teilen der deutschen Bevölkerung Beklemmungen und Ängste aus. Auch die Bevölkerungen der umliegenden Länder wirken zunehmend besorgt. Aber dabei macht ihnen nicht nur «Russland» Sorgen. Sie mussten Deutschlands Militärmacht mehrfach erleben: Polen, Dänemark, Niederlande, Belgien, Frankreich …
Was ist mit Deutschland los?
Mit einer Kaltschnäuzigkeit, die vor wenigen Jahren noch völlig undenkbar war, bezeichnen deutsche Politiker wie der Aussenminister Wadephul Russland wieder als Hauptfeind, den es zu bezwingen gilt. Selbst ein weitreichender Raketenbeschuss Russlands wird gefordert. Im Baltikum nahe der russischen Grenze nehmen deutsche Regierungsvertreter wie Verteidigungsminister Pistorius gemeinsam mit deutschen Generälen Paraden deutscher Soldaten ab. Auf geradezu martialische Weise schwört Generalleutnant Freuding, oberster Militär der deutschen Bundeswehr, die Soldaten in Litauen auf zukünftige Aufgabe im Osten ein (https://www.instagram.com/reels/DQLwQOmDGpj/, 23. Oktober 2025). Bundeskanzler Merz stellt unzweideutig zweideutig fest, Deutschland befinde sich «nicht mehr im Frieden» (29. September 2025).
Dazu kommt, dass es von deutscher Seite keinen ernsthaften Versuch gibt, mit der russischen Regierung ins Gespräch zu kommen. Gab es nicht und gibt es nicht! Keinen einzigen!
Die Weichen werden auf Krieg umgestellt …
Drei Wochen nach der deutschen Bundestagswahl vom 23. Februar 2025 wurde am 18. März mit der Stimmenmehrheit der schon abgewählten CDU/CSU, SPD- und Grünen-Bundestagsabgeordneten handstreichartig eine Grundgesetzänderung verabschiedet. Erst dadurch war es möglich, einen ersten gigantischen milliardenschweren Kriegskredit («Sondervermögen») aufzugleisen. Mit dem neu gewählten Bundestag wäre dies nicht möglich gewesen, die Mehrheit für eine Grundgesetzänderung hätte gefehlt.
Mit diesem Trick wurden – entgegen der vorherigen Wahlversprechungen, mit Russland zu verhandeln –, die Weichen auf Krieg gestellt.
Seitdem wird die deutsche Wirtschaft zur Kriegswirtschaft umfunktioniert. Teile des serbelnden Mittelstands und der Industrie werden mit schuldenfinanzierten Rüstungsaufträgen eingedeckt. Die Kriegsvorbereitungen laufen unter dem Stichwort Operationsplan Deutschland OPLAN DEU auf Hochtouren.
… wie von Geisterhand
Den Kriegsbeginn mit Russland weissagt Boris Pistorius, deutscher Verteidigungsminister, jeweils zwischen 2028 und 2030. Offen bleibt dabei, ob Pistorius der Meinung ist, dass das russische Militär darauf wartet, bis Deutschland sich auf diesen von ihm selbst angesagten Krieg hochgerüstet hat. Dieses Mal befindet sich Deutschland im Verbund mit einigen europäischen Staaten – mit Unterstützung durch die EU und unter der Oberaufsicht Washingtons.
Bisher hatte keine europäische Regierung das Format, ernsthafte Verhandlungen mit Russland zu führen – bis auf den kürzlich abgewählten ungarischen Ministerpräsidenten Viktor Orban.
Wie von Geisterhand wird jede Bemühung um einen Verhandlungsfrieden untergraben. Ein fast erfolgreicher Versuch im Frühjahr 2022 wurde vom damaligen britischen Premierminister Boris Johnson in letzter Minute verhindert.
Werden die Bewohner Europas blindlings in einen Krieg gestürzt, über dessen Dimensionen und dessen Tragweite sie sich nie ernsthaft Gedanken machen konnten? Was bedeutet Krieg heute eigentlich?
Wer hat die Befehle gegeben?
Wenn Mitteleuropa, laut Pistorius bis 2030, in ein Schlachtfeld und eine radioaktive Trümmerlandschaft verwandelt wird, wenn die Söhne des Landes wieder im «Kampf für ‹unser› Land» bein- oder armamputiert oder kriegspsychotisch nach Hause zurückkehren, oder wenn sie verbluten und in irgendeinem Schlammloch verrecken –, werden erst dann ihre Mütter und Väter aktiv werden? Wieder einmal zu spät? So wie schon 1917 oder 1944?
Ukrainische und russische Mütter erleben dies schon heute, Tag für Tag. Aber darüber berichtet niemand, man erfährt nichts darüber. In Russland nicht, in der Ukraine nicht, in Deutschland nicht, in der Schweiz nicht. Wie von Geisterhand. Das sind «unsere» Medien.
Wenn bittere Armut, erste Hungersnöte und neuartige Seuchen grassieren, werden die gewählten Politiker erst dann ihre Entscheidungen überdenken?
Wenn kleine Kinder beim Spielen im Freien von KI-gesteuerten Killerdrohnen umgebracht werden, werden erst dann Ingenieure, Mechaniker und Aktienbesitzer von Rüstungskonzernen über die Konsequenzen ihres Tuns nachdenken?
Wenn schliesslich Rauchpilze von «taktischen» Nuklearwaffen über dem Land aufsteigen –, wird man sich erst dann fragen, was falsch gelaufen ist, wie es dazu kam, wer die Befehle gab? Wer die Weichen gestellt hat?
Waren es diejenigen, die medial verhetzt, «alles-nur-wegen-Putin», mitmachten? Oder diejenigen, die mitmachten, weil alle mitmachten oder diejenigen die «nur», weil sie Angst vor Konsequenzen hatten, mitmachten?
Es gibt Verantwortliche
Die Verantwortlichen – und die gibt es – werden später vor Gericht behaupten, sie hätten von alledem nichts gewusst, sie seien da hineingeschlittert … Sie seien selbst betrogen worden. Sie seien eigentlich von Anfang an dagegen gewesen. Wird es so sein, wie in Deutschland nach dem Zweiten Weltkrieg?
Jede Entscheidung hat Namen und Gesichter. Es bestand kein Befehlsnotstand und kein Gehorsamszwang. Gestern nicht, heute nicht und auch morgen wird keiner bestehen.
Schwören die deutschen Bundestagsabgeordneten nicht, «Schaden vom deutschen Volk abzuhalten»? Verstossen sie nicht in krasser Weise gegen den Gründungsgeist der beiden deutschen Staaten, von deren Boden «nie wieder Krieg» ausgehen soll?
Nürnberg 1945–1946
Egal, ob die Entscheidung für Krieg aus politischem Unverstand, Machtstreben, Unkenntnis, Erpressung, Gefühlslosigkeit oder Korruption zustande kam, sie ist zu verantworten.
Im Nürnberger Hauptkriegsverbrecherprozess vom 20. November 1945 bis zum 1. Oktober 1946 wurde ein Krieg zum ersten Mal juristisch aufgearbeitet. In der Rechtsentwicklung war es neben dem Briand-Kellogg-Pakt von 1928 ein völkerrechtlicher Schritt, Krieg nicht mehr als Naturkatastrophe zu betrachten, den die Zivilbevölkerung schicksalhaft hinnehmen muss, sondern als Tatbestand, hinter dem kriminelle Entscheidungen stehen. Die drohende Gefahr eines dritten Weltkriegs und einer atomaren Katastrophe erfordern eine Weiterentwicklung des Völkerrechts.
Der Erste Weltkrieg
Zur Erinnerung: Im Ersten Weltkrieg starben insgesamt etwa 17 Millionen Menschen. Davon über neun Millionen Soldaten. Etwa zwei Millionen aus Deutschland, fast 1,5 Millionen aus Österreich-Ungarn, über 1,8 Millionen aus Russland, annähernd 460 000 aus Italien. Frankreich hatte über 1,3 Millionen, Grossbritannien rund 750 000 militärische Todesfälle zu beklagen. Hinzu kamen etwa 78 000 Tote aus den französischen und 180 000 Tote aus den britischen Kolonien. Die USA verloren rund 117 000 Mann in Europa.
Der Zweite Weltkrieg
Der Zweite Weltkrieg begann im Herbst 1939. In der Folge wurde weltweit gekämpft und es wurden Kriegsverbrechen und Massenmorde verübt. Insgesamt wurden bis August 1945 schätzungsweise mehr als 70 Millionen Menschen getötet.
Die höchsten Verluste musste die Sowjetunion verzeichnen: Rund zehn Millionen Soldaten der Roten Armee wurden getötet oder starben in Kriegsgefangenschaft. Insgesamt verloren mindestens 24 Millionen sowjetische Bürger ihr Leben. Am meisten Zivilisten wurden in China durch die japanische Besatzung ermordet.
Die verdrängten Opfer und die Folgen
Wenn man die erschreckend hohen Zahlen der Toten betrachtet, dann fehlt dabei immer noch das Ausmass an menschlichem Elend der Überlebenden, das sich dahinter verbirgt: die Verstümmelungen, die Kriegspsychosen und -neurosen, die Vertreibungen, die Verrohung und Verwahrlosung, die Flucht, der Hunger, die Verarmung, die Massenvergewaltigungen usw.
In jüngeren Studien werden die individual- und massenpsychologischen Folgen von Kriegen erforscht. Über die Erziehung durch traumatisierte Eltern wirken Kriege in der Psyche der nachfolgenden Generationen weiter. Viele Forscher sprechen von einer Dauer von vierzig bis fünfzig Jahren bis die Narben eines Krieges psychisch verheilen können.
Den Wahnsinn stoppen – neutral bleiben
Es mutet wie Wahnsinn an, wenn über Jahre, wenn nicht Jahrzehnte vorsätzlich ein Krieg geplant, vorbereitet und schliesslich durchgeführt wird. Die Bevölkerungen werden dabei bewusst im Unklaren gelassen, damit sie sich willig «in ihr Schicksal» fügen. «Cognitive Warfare» ist das moderne Schlagwort dafür. Es geht um Kriegsbereitschaft, nicht um sachgerechte Informationen. Die Nato hat seit 2014 gezielt mehrere «Informationszentren» aufgebaut, durch die sie die Regierungen und die Medien europaweit versorgt (z.B. NATO Strategic Communications Centre of Excellence in Riga). Auch die Schweiz ist davon betroffen.
In den vergangenen zwei Weltkriegen konnte die Schweiz ihre Neutralität bewahren. Dies unter grossem Einsatz weitsichtiger und mutiger Frauen und Männer. So konnte sich das Land mit seinen guten Diensten und dem Internationalen Roten Kreuz für die leidenden Bevölkerungen weltweit einsetzen, ohne selbst zur Kriegspartei zu werden.
Es wird Zeit, dass die Schweiz wieder zu ihrer DNA zurückfindet.
| * Thomas Scherr arbeitet als unabhängiger Autor für den «Schweizer Standpunkt». |