Assange-Archiv

Warum physische Archive wichtig sind in einer Zeit, in der die Wahrheit verschwindet

«Wer die Vergangenheit kontrolliert, kontrolliert die Zukunft.» – George Orwell

von «Julian Assange Archive e.V.»

(3. Juli 2026) (CH-S) 2024 wurde der unerschrockene australische Investigativjournalist Julian Assange aus dem Londoner Belmarsh Gefängnis entlassen.1 Er hatte US-amerikanische Kriegsverbrechen aufgedeckt. Seit 2010, dem Jahr seiner unrechtmässigen Verhaftung, hatten sich weltweit Menschen unermüdlich dafür eingesetzt, dass er nicht in Vergessenheit geriet. Sie standen vor Botschaften und Gerichten, organisierten Proteste, schrieben Briefe, hielten Mahnwachen und sprachen auch noch über seinen «Fall», als dieser aus der Öffentlichkeit praktisch verschwunden war. Das «Assange-Archiv» dokumentiert diese Bemühungen und führt uns die Bedeutung der physischen Erinnerung vor Augen. Was nur digital vorhanden ist, kann gefälscht oder gelöscht werden – Gegenstände in einem Archiv sind «lebendige» Geschichte.

* * *

In seiner Rede beim Oslo Freedom Forum 2010 sprach Julian Assange etwas an, das heute noch relevanter erscheint als damals. Als er über Archive, Erinnerung und die Bewahrung von Geschichte sprach, bezog er sich auf Orwells berühmten Satz:

«Wer die Vergangenheit kontrolliert, kontrolliert die Zukunft.»

Kampf um die Realität

Julian wollte damit keine Nostalgie wecken. Er sprach nicht von Archiven als statischen Museen der Geschichte, sondern als etwas zutiefst Lebendigem und Politischem. Was er beschrieb, war der Kampf um die Realität selbst – darum, was überlebt, was verschwindet und wer letztendlich die historische Wahrheit definiert.

Und vielleicht ist dies einer der am meisten missverstandenen Aspekte unseres digitalen Zeitalters.

Wir sprechen oft so, als seien Informationen heute dauerhaft, nur weil sie digital sind. Wir leben umgeben von endlosen Strömen von Inhalten, ständiger Dokumentation, Uploads, Aufzeichnungen, Screenshots und Archiven von Archiven. Es herrscht die weit verbreitete Annahme, dass etwas, das einmal online existierte, irgendwie für immer zugänglich bleiben wird.

Doch oft ist das Gegenteil der Fall.

Illusion von Beständigkeit

Die digitale Kultur erzeugt die Illusion von Beständigkeit, während sie gleichzeitig einen ständigen Zustand des Verschwindens hervorbringt. Konten verschwinden. Videos verschwinden. Links funktionieren nicht mehr. Plattformen brechen zusammen. Die Sichtbarkeit in Suchmaschinen ändert sich. Der Kontext löst sich unter der endlosen Beschleunigung neuer Informationen auf. Material wird nicht nur durch Zensur begraben, sondern auch durch Überlastung, Fragmentierung und die Geschwindigkeit, mit der alles ersetzbar wird.

Und das verändert die Natur des historischen Gedächtnisses selbst.

«Wer die Vergangenheit kontrolliert, kontrolliert die Zukunft.» (Bild zvg)

Wie überdauert die Erinnerung?

Aus wissenschaftlicher Sicht überdauert das kollektive Gedächtnis nicht einfach deshalb, weil Informationen einmal existierten. Erinnerung überdauert durch Kontinuität, Verstärkung und materielle Zugänglichkeit im Laufe der Zeit. Gesellschaften erinnern sich durch Strukturen, die Wissen vor dem Verschwinden bewahren. Wenn Aufzeichnungen instabil, fragmentiert oder von Systemen abhängig werden, die von wechselnden politischen oder unternehmerischen Interessen kontrolliert werden, beginnt das öffentliche Verständnis selbst zu schwinden.

Genau hier wird Orwells Warnung zutiefst modern.

Das Zitat wird heute oft beiläufig, fast schon ästhetisch wiederholt, doch Orwell beschrieb etwas äusserst Konkretes: Wer die erhaltenen Aufzeichnungen der Realität kontrolliert, gewinnt auch Einfluss darauf, wie künftige Generationen die Wahrheit selbst verstehen.

Und dieser Prozess ist selten offensichtlich.

Er vollzieht sich nicht nur durch dramatische Zensur oder die Vernichtung von Büchern. Häufiger geschieht er schrittweise. Durch Auslassung. Durch Abhängigkeit. Durch algorithmische Unsichtbarkeit. Durch das stille Verschwinden des Kontexts. Durch Systeme, die entscheiden, was sichtbar bleibt und was langsam verblasst.

Bedeutung der Archive

Archive sind daher niemals neutral.

Sie sind Infrastrukturen der Erinnerung.

Sie bestimmen nicht nur, was in der Zukunft studiert werden kann, sondern auch, was noch immer bewiesen werden kann.

Im Laufe der Geschichte haben Institutionen und Staaten dies immer verstanden. Archive wurden zentralisiert, zensiert, selektiv geöffnet, umgeschrieben, vernachlässigt oder zerstört, gerade weil die Kontrolle über Aufzeichnungen bedeutet, die historische Realität selbst zu beeinflussen. Der Kampf um das Gedächtnis ist letztlich ein Kampf um Legitimität, Kontinuität und Macht.

Das digitale Zeitalter hat dies dramatisch verschärft.

Heute existieren riesige Teile des kollektiven Gedächtnisses auf privat kontrollierten Infrastrukturen. Politische Bewegungen hinterlassen zunehmend Spuren, die über Plattformen verstreut sind, deren Prioritäten sich über Nacht ändern können. Suchmaschinen bestimmen die Sichtbarkeit. Algorithmen prägen die Wahrnehmung. Informationen können technisch zugänglich bleiben, während sie kulturell unsichtbar werden.

Und Unsichtbarkeit reicht oft schon aus.

Physische Archive wichtiger denn je

Dies ist einer der Gründe, warum physische Archive wichtiger sind denn je.

Ein physischer Brief kann nicht algorithmisch begraben werden. Ein Protesttransparent kann nicht verschwinden, weil eine Plattform den Besitzer wechselt. Eine handgeschriebene Notiz verschwindet nicht, weil ein Moderationssystem seine Richtlinien ändert. Physische Artefakte widerstehen dem Verschwinden gerade deshalb, weil sie ausserhalb von Systemen weiterbestehen, die auf Geschwindigkeit, Kontrolle, Monetarisierung und ständigen Austausch ausgelegt sind.

Und vielleicht ist dies nirgendwo wichtiger als in Basisbewegungen.

Bewegungen bleiben oft durch vereinfachte Schlagzeilen, Persönlichkeiten des öffentlichen Lebens oder institutionelle Zusammenfassungen in Erinnerung, während die menschliche Realität dahinter langsam verschwindet. Was zuerst verschwindet, sind meist die Spuren gewöhnlicher Beteiligung: handgemachte Schilder, Flugblätter, Briefe, Fotografien, improvisierte Kunstwerke, persönliche Notizen und Fragmente, geschaffen von Menschen, die nie mächtig waren, sich aber dennoch entschlossen haben zu handeln.

Doch gerade diese Materialien sind oft der historisch wichtigste Teil.

Denn sie zeigen, dass Geschichte nicht unvermeidlich war.

Sie zeigen Kontinuität, Beharrlichkeit, Druck, Emotionen, Mut, Erschöpfung und Solidarität.

Sie zeigen, dass die politische Realität nicht nur von oben, sondern auch von unten gestaltet wird.

Politische Realität gestaltet von unten

Dies gilt insbesondere im Fall von Julian Assange.

Mehr als ein Jahrzehnt lang existierte die Bewegung rund um seinen Fall nicht nur durch juristische Argumente oder Medienberichte, sondern durch Tausende von Aktionsformen auf der ganzen Welt. Mahnwachen vor Belmarsh und überall auf der Welt. Demonstrationen. Plakate. Transparente. Briefe an die Botschaft und das Gefängnis. Kunstwerke. Unabhängiger Journalismus. Gespräche. Menschliche Präsenz über Jahre hinweg.

Die meisten dieser Aktionen erschienen damals klein.

Doch zusammen schufen sie Kontinuität. Sie schufen Druck. Sie verhinderten das Verschwinden.

Ohne diese Spuren physisch zu bewahren, laufen Bewegungen Gefahr, auf vereinfachte Erzählungen reduziert zu werden, losgelöst von den Menschen, die sie getragen haben. Zukünftige Generationen kennen vielleicht das Ergebnis, verlieren aber die Realität dessen, wie es geschah.

Deshalb existiert das Julian Assange Archive auch physisch.

Nicht aus Nostalgie. Nicht als Mythos. Sondern als Widerstand gegen das Vergessen.

Weil Erinnerung wichtig ist. Weil Wahrheit Beweise erfordert.

Und weil der Kampf um die Zukunft immer auch ein Kampf darum ist, was von der Vergangenheit sichtbar bleibt.

Herzliche Grüsse, Manja
Für das «Julian Assange Archive e.V.»

Werde ein Guardian

Ein Guardian des Julian Assange Archive e.V. zu werden bedeutet, dazu beizutragen, dass diese Geschichte physisch erhalten bleibt, unabhängig und für zukünftige Generationen zugänglich ist.
Nicht hinter Plattformen versteckt.
Nicht der Löschung ausgesetzt.
Nicht auf Fragmente reduziert.
Wenn du dich an der Aufrechterhaltung dieser Arbeit beteiligen möchtest, kannst du das hier tun: https://www.julianassangearchive.org
Jeder Beitrag hilft, unabhängige Erinnerung am Leben zu erhalten.

Quelle: https://assangearchives.substack.com/p/who-controls-the-past-controls-the?utm_source=post-email-title&publication_id=2920341&post_id=198223896&utm_campaign=email-post-title&isFreemail=true&r=1dbpyt&triedRedirect=true&utm_medium=email, 18. Mai 2026

(Übersetzung «Schweizer Standpunkt»)

1 In seinem Buch «Der Fall Julian Assange – Geschichte einer Verfolgung» dokumentierte der UNO-Sonderberichterstatter für Folter, der Rechtswissenschaftler Nils Melzer die Geschichte von Julian Assange, angeklagt wegen Spionage.

Zurück