Sprechen wir vom gleichen Thema – dem Iran?

Eindrücke von einer lehrreichen Veranstaltung

von Thomas Scherr*

(10. Juli 2026) (CH-S) Am 19. und 20. Juni begrüsste der «Schweizer Standpunkt» in seinen Veranstaltungs-räumen den Iran-Experten Dr. Patrick Ringgenberg** zum Thema «Den Iran verstehen in Geschichte und Gegenwart».

Patrick Ringgenberg.
(Bild mt)

Patrick Ringgenberg gelang es an einem Abendvortrag und einer Diskussion am Folgetag, verschiedene Zugänge zur komplexen Situation im Iran zu eröffnen. Dabei konnte er auf seine profunden Kenntnisse und seine jahrzehntelangen Erfahrungen im Land selbst zurückgreifen.

Für die meisten Zuhörer war es eine Möglichkeit, ihre Vorstellung über den Iran zu vervollständigen oder zu revidieren. Es war erschütternd festzustellen, wie wenig man über das Land, seine Gesellschaft und seine jahrtausendealte Geschichte aus den Medien erfährt.

Selbst der völkerrechtswidrige Angriffskrieg der USA und Israels auf den Iran hatte nicht dazu geführt, dass durch die Medien nun realistische Informationen verbreitet werden. Umso mehr Gewinn bot die Veranstaltung mit Dr. Patrick Ringgenberg.

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Viele Zuhörer beschäftigte die Frage, was das wohl für ein Staat sei, der der grössten Militärmacht der Welt und der kriegserprobten israelischen IDF bis heute die Stirn bieten kann.

Diese Frage war jedoch nicht der Ausgangspunkt im Vortrag von Patrick Ringgenberg. Und doch hatte man nach dem Vortrag eine Erklärung. Deshalb einige subjektive Eckpunkte aus dem informativen und reichhaltigen Vortrag.

Rein äusserlich liegt der Iran mit seiner Fläche, dreimal so gross wie Frankreich, und seiner Bevölkerung von 90 Millionen Einwohnern zwischen mehreren hohen Gebirgszügen und zwei Meeren. Das Land bildet eine Brücke zwischen Ost und West sowie zwischen Nord und Süd. Es hat durch seine geografische Lage eine zentrale Rolle zwischen sieben direkten Nachbarstaaten und neun über den Persischen Golf und das Kaspische Meer verbundene Staaten. Die Bevölkerung des Iran besteht aus vielen unterschiedlichen Ethnien und Religionen. Den Hauptanteil bilden dabei die Perser mit ihrer islamischen Glaubensrichtung des Schiitentums.

Lotfollah-Moschee in Isfahan. Ein Beispiel für die lange kulturelle
Geschichte des Irans. (Bild hr)

Als ein Land mit einer 3000jährigen Geschichte, als Land, das als Grossmacht über Jahrhunderte die Geschicke verschiedener Völker bestimmte, ist der Iran uns kaum bekannt. Patrick Ringgenberg nahm die Zuhörer mit auf eine historische Reise, die mehr als deutlich machte, dass der Iran nicht ein «Mullah-Staat» oder ein postkoloniales Konstrukt ist, sondern eine selbstbewusste Nation mit Wurzeln, die Jahrtausende vor den Islam zurückreichen, und dass das Land als ein ehemaliges Imperium über ein entsprechendes Selbstverständnis und eine entsprechende Tradition verfügt.

Sehr differenziert stellte der Referent die Rolle des Islam im Iran dar. Einerseits verknüpfte der Islam sich mit den vorher bestehenden Traditionen des Landes, andererseits ergaben sich Unterschiede zu den arabischen Islamstaaten durch die religiöse Spaltung zwischen Sunniten und Schiiten. Kulturell sind diese Einflüsse auch heute nicht zu unterschätzen.

Unser Bild der Islamischen Republik Iran ist geprägt von der Wirklichkeit der 1980er Jahre (Chomeini, Islamisierung, agrarische Bevölkerung, US-Botschaftsbesetzung, Iran-Irak-Krieg usw.). Heute präsentiert sich das Land aber völlig anders. Die Städte, insbesondere die 8,7 Millionen Einwohner starke Hauptstadt Teheran, sind modern und weltoffen. Daneben existieren sieben weitere Millionenstädte, 75 Prozent der Bevölkerung leben in Städten. Die in westlichen Medien zelebrierte Verschleierung wirkt wie ein medial tradiertes Vorurteil. –Wobei sich Traditionen in ländlichen Gebieten durchaus halten.

Wissenschaft und Kultur werden im Iran sehr gepflegt – dies entgegen dem Eindruck, den der durchschnittliche Medienkonsument in der Schweiz erhält. Wissenschaftlich und technologisch kann der Iran weltweit konkurrieren, was häufig und gerne übersehen wird. Sicher auch eine Folge der «Sanktionen» des Westens.

In der Diskussion mit Patrick Ringgenberg konnten viele Vorurteile ausgeräumt und interessante Einblicke in dieses Land gewonnen werden. Am Ende der Veranstaltung fragten sich viele Zuhörer, wie es dazu kommen konnte, dass die US-Nachrichtendienste die Realität des Landes so falsch einschätzen konnten. Die Idee, mit einem «Enthauptungsschlag» der iranischen Führungsriege einen Aufstand im Land herbeiführen zu können, ist ebenso abwegig wie die Vorstellung, das Land als eine Art «Venezuela 2.0» in wenigen Stunden «wegputschen» zu können.

Patrick Ringgenberg hat mit seinem Vortrag dazu angeregt, sich vertieft mit der Geschichte und der Kultur des Iran auseinanderzusetzen, aber auch bei der Beurteilung anderer, wenig bekannter Länder mehr Zurückhaltung zu üben.

* Thomas Scherr arbeitet als unabhängiger Autor für den «Schweizer Standpunkt».
** Patrick Ringgenberg, Schweizer Wissenschaftler und Fotograf, hat einen Abschluss in Filmwissenschaft (HEAD, Genf), einen Abschluss in Religionswissenschaft (Ecole pratique des hautes études, Paris-Sorbonne) und einen Doktortitel in Geschichte (Universität Genf). Er hält Vorlesungen über den Iran und den Nahen Osten an der Ecole Polytechnique Fédérale de Lausanne (Eidgenössische Technische Hochschule Lausanne, Schweiz) und ist assoziierter Forscher am Institut für Religionsgeschichte und -anthropologie (IHAR) der Universität Lausanne. Er ist Autor von rund zwanzig Büchern über den Iran, die Geschichte der Religionen und Esoterik sowie mittelalterliche und orientalische Kunst, darunter: «Guide culturel de l’Iran» (2006; 6. Auflage 2018), «L’univers symbolique des arts islamiques» (2009), «Une introduction au Livre des rois (Shâhnâmeh) de Ferdowsi» (2009), «Le sanctuaire de l’Imam Rezâ à Mashhad» (2016), «Peindre l’Invisible. Images sacrées d’Orient et d’Occident» (2018), «Comprendre l’Iran» (2021) und der Bildband «Persia» (2024).
     Vergleiche auch aktuelle Beiträge: https://forumgeopolitica.com/de/autor/patrick-ringgenberg-2

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