Schweizer Bauer an der Spitze von Russlands grösstem Milchproduktionsbetrieb
von Marita Brune-Koch*
(20. März 2026) (Januar 2026) Im tiefsten Moskauer Winter macht sich eine Reisegruppe aus der Schweiz auf, um «Ekoniva», den grössten Milchproduktionsbetrieb Russlands zu besuchen. Es schneit unentwegt, der Bus kämpft sich einen endlosen Weg durch die riesige Stadt. Trotz der Schneemassen herrscht kein Chaos, aber immerhin geht es sehr langsam vorwärts. Empfangen wird die Gruppe von Ramon Schenk, einem der beiden Chefs des Betriebes. Er begrüsst die Besucher im vertrauten Schweizerdeutsch: Er stammt aus Herrliberg am Zürichsee. Seit 17 Jahren lebt und arbeitet er in Russland. Heute nimmt er sich Zeit, seine Gäste über den Betrieb zu informieren.
(Bild gk)
Die Besucher werden in grosszügigen, hellen und gepflegten Räumen empfangen. Durch eine grosse Glasscheibe sieht man Kühe, die auf ein sich langsam drehendes Karussell drängen, auf dem sie gemolken werden. Nur wenige Menschen sind zu sehen, die Kühe gehen fast selbständig auf das Karussell und nach Beendigung des Melkens auch wieder hinunter, zurück zu ihren Ställen. Später wird Ramon Schenk Genaueres dazu sagen, doch zunächst bewirtet er seine Gäste mit einem einladenden Buffet: Man darf sich an verschiedenen feinen Käsesorten, Yoghurt- und Quarkzubereitungen bedienen. Kaffee und verschiedene Milchgetränke werden gereicht.
Nach der Stärkung werden die Interessierten aus der Schweiz in eine Art Seminarraum mit professioneller Vortragstechnik eingeladen. Mithilfe einer PowerPoint Präsentation stellt Schenk die verschiedensten Aspekte des Betriebes dar. Zusammen mit Stefan Dürr, einem Landwirt aus Deutschland, hat er einen riesigen Betrieb aufgebaut. Er umfasst mehrere Standorte in 13 Regionen, verteilt über ganz Russland. Insgesamt leben dort 123 000 Kühe. Der Gesamtbetrieb umfasst 640 000 Hektaren. An allen Standorten zusammen arbeiten 15 000 Mitarbeiter. Die Kühe geben 1,4 Millionen Tonnen Milch pro Jahr, 4 Millionen Liter pro Tag. Damit sei der Hof, so Schenk, der grösste Milchproduktionsbetrieb Russlands. Weltweit gehört der Hof zu den fünf grössten Milcherzeugungsbetrieben. Selbstverständlich haben sie auch eigene Läden, in denen ihre Produkte verkauft werden. Sie beliefern aber auch grosse Supermärkte, Hotelketten und grosse Restaurants.
Sanktionen: Von Abhängigkeit zur Autarkie
In einem kurzen Exkurs erläutert Schenk, dass Russland bis 2014 alle Milchprodukte importiert habe. Dann habe es Sanktionen gegeben wegen der Krim. Russland habe angefangen selber zu produzieren. Offensichtlich hat sein Betrieb massgeblich dazu beigetragen, dass Russland in diesem Bereich die Sanktionen gut überstanden hat. Schenk drückt es mit einem Lächeln auf den Stockzähnen so aus: «Wir haben profitiert von den Sanktionen.» «Aber wahrscheinlich würden wir alle mehr profitieren, wenn’s anders wäre. Aber es ist, wie’s ist.», fügt er noch hinzu.
Vielseitigkeit und Eigenständigkeit
Sind die Zuhörer bereits jetzt beeindruckt von der schier unfassbaren Grösse, so steigert sich das Erstaunen, als sie erfahren, wie eigenständig der Hof wirtschaftet: Er verarbeitet die Milch selber zu den verschiedensten Produkten, wie man sie auch bei uns kennt und füllt sie ab. Der Zucker in den Quark- und Yoghurtspeisen stammt aus einer eigenen Zuckerfabrik. Das Futter für die Kühe – Luzerne, Getreide, Soja, Erbsen, Linsen, Leinsamen – wird auf dem Hof produziert. Der Samen wird in Saatgutbetrieben kultiviert. Ekoniva ist der grösste Saatgutproduzent in Russland. Der Betrieb verfügt über eigene Labore für die Zusammenstellung des Futters und hat zu diesem Zweck auch eine Software entwickelt. Auf die Frage eines Zuhörers erklärt Schenk, gentechnisch verändertes Saatgut sei in ganz Russland streng verboten.
Auch die Ställe für die Kühe planen, konstruieren, bauen sie selbst. Sie sind an allen Standorten identisch. Das erleichtert schnelles Planen und Bauen. Später besichtigen die Besucher die Ställe: Sie sind hell, sauber, offen, grosszügig. Während die Kühe zum Melkkarussel gehen, werden die Ställe gereinigt: Das heisst dreimal am Tag fahren grosse Landmaschinen in die Ställe und misten aus. Wenn die Kühe zurückkommen, ist alles sauber.
Unbürokratische Baugenehmigungen
Auf die Frage eines Besuchers, wie das mit Baugenehmigungsverfahren abläuft für so einen Stall, sagt Schenk: «Wenn wir am Morgen entscheiden zu bauen, können wir am Nachmittag anfangen zu baggern.»
Sie machen alles möglichst einfach und zweckmässig, «inhouse», wie Schenk sich ausdrückt. Sie planen und installieren selber die Melkmaschinen, die Melkkarussels. Sie haben Fachleute eingestellt, die alle anfallenden Reparaturen sofort durchführen können. Er selbst sei in der ganzen Welt herumgefahren, habe sich die verschiedensten Einrichtungen angeschaut um herauszufinden: Was ist das Beste für unsere Situation? Dieses Wissen hätten sie bei der Planung und Umsetzung von 40 Anlagen angewandt.
Gesundheit und bester Komfort für die Kühe
Einen Zuhörer beschäftigt die Frage der Massentierhaltung. Schenk antwortet, nicht viele Betriebe in der EU hätten einen so hohen Standard und Komfort für die Kühe. In einem kleinen Betrieb sei es nicht möglich, das zu bieten, was sie für das Wohlbefinden und die Gesundheit der Kühe leisten. Alle Kühe haben einen Scanner, mit dem der Gesundheitszustand genau gemessen wird. So kann jede Kuh angemessen geimpft und behandelt werden. Sie haben eigene Tierärzte im Betrieb, die jederzeit vor Ort sind. Im Betrieb angestellte Klauenschneider sorgen fortlaufend für gut geschnittene Klauen.
Gute Ausbildung für Mitarbeiter
Sie haben viele gut geschulte Leute eingestellt, denen sie ein gutes Einkommen bieten. Ihre Mitarbeiter würden nach eigenen Vorgaben in einer betriebseigenen Schule von eigens angestellten Lehrern ausgebildet. Täglich würden die Mitarbeiter in den umliegenden Orten von betriebseigenen Bussen abgeholt und wieder nach Hause gebracht. Aus all diesen Gründen, und weil sie gut zahlen, haben sie – trotz Arbeitskräftemangel – gutes und ausreichendes Personal. Ungefähr 3000 Praktikanten würden im Betrieb lernen, die besten würden eingestellt und ausgebildet. Studenten kämen von der Uni, um in ihrem Betrieb zu lernen und zu arbeiten.
Auf die Frage nach der Verbreitung der landwirtschaftlichen Nutzung in Russland generell erklärt Schenk, der grösste Teil der landwirtschaftlich nutzbaren Fläche des Landes werde bewirtschaftet. Es gäbe auch viel unbewirtschaftetes Land, aber dort seien schlechte Böden.
Weltweit beste Produktionsbedingungen
Während der Aufbauphase des Betriebes habe der Staat diesen mit starken Subventionen unterstützt. Anders wäre ein so schnelles Wachstum nicht möglich gewesen. Heute werden noch Investitionen in Regionen unterstützt, wo es noch keine Kühe gäbe, wo sie aber gewollt sind, zum Beispiel an der Wolga. Helfen würden auch langfristige Pachtverträge für das Land. Russland biete die besten Produktionsbedingungen weltweit für die Landwirtschaft. Jetzt sei eine Superzeit in Russland einzusteigen, zum Beispiel Saatgutsorten zu produzieren und das Genmaterial zu sichern. Schon heute sei Russland autark in der Saatgutherstellung. Früher hätten die Russen das Gefühl gehabt, alle inländischen Produkte seien schlecht, heute das komplette Gegenteil: Man sei stolz auf die eigenen Erzeugnisse.
Feines Essen und Persönliches
Zum Abschluss wird den Gästen ein 5-Gang-Menu von feinster russischer Art offeriert. Dabei kommt man auch persönlich ins Gespräch. Ramon Schenk erzählt, nach dem ersten halben Jahr in Russland sei er ein halbes Jahr nach Kanada gegangen um zu erkunden, wie dort Landwirtschaft betrieben wird. Dort habe es ihm aber nicht gefallen. Er habe sich entschieden, endgültig nach Russland zu gehen. Zurück in die Schweiz wolle er nicht. Schliesslich ist er hier inzwischen Familienvater von fünf Kindern. Auf die Frage eines Teilnehmers, wie die Chancen für Ausländer seien, nach Russland zu gehen, erklärt er, die seien sehr gut, vor allem für gute Handwerker, die dort Mangelware seien. Aber man müsse die Sprache lernen: «Wer sich nach drei Tagen noch nichts in der Kantine bestellen kann, soll seinen Koffer packen.»
Mit eigener Kraft wirtschaftlich unabhängig
Es ist beeindruckend, was man schaffen kann, wenn die Kräfte konstruktiv zusammenwirken. Besonders angesichts der wirtschaftlich tiefgreifenden Verwerfungen, denen wir uns hier in Westeuropa zunehmend ausgesetzt sehen.
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* Marita Brune-Koch ist Mitglied der Redaktion «Schweizer-Standpunkt». |